Christiane Mudras Theaterprojekt „Selfie & Ich“ konfrontiert das Publikum hautnah mit der Realität psychischer Erkrankungen in einer leistungsgetriebenen Gesellschaft.
Im intimen Setting Münchner Privatwohnungen werden Angststörungen, Depressionen, Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie und Magersucht erlebbar und hörbar gemacht.
Hier findest Du die Website des Projekts und der Regisseurin.
In einer Welt, die von permanenter Selbstoptimierung geprägt ist, gelten psychische Erkrankungen oft als Tabu. Glück und Leistung definieren zunehmend den persönlichen Wert; soziale Medien verstärken diesen Druck zusätzlich.
Wer diesen Anforderungen nicht entspricht, gerät schnell ins gesellschaftliche Abseits. Gleichzeitig nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen stetig zu. Bereits jeder dritte Mensch in Deutschland ist mindestens einmal im Leben betroffen – doch noch immer herrscht Unsicherheit, Scham und Stigmatisierung im Umgang damit.
Auf geheimnisvolle Weise beeinflusst der Leistungsdruck das Verhalten der Menschen und verstärkt so die gesellschaftlichen Normen.
Viele Betroffene leiden still und unerkannt. Leistungsorientierte Normen erschweren den offenen Umgang mit psychischen Problemen. Depressionen, Ängste oder Süchte werden hinter inszenierten Bildern und Lächeln verborgen. Das Projekt will auf genau diese versteckte Isolation aufmerksam machen.
Statt auf einer klassischen Theaterbühne findet „Selfie & Ich“ in Münchner Privatwohnungen statt. In kleinen Gruppen bewegen sich Zuschauer*innen durch authentisch wirkende Lebensräume und erleben intensiv die emotionale Realität der Betroffenen.
Die gewählte Nähe zwingt das Publikum zur direkten Konfrontation und verhindert ein distanziertes Zuschauen mit Kopfhörern. Die Technik des Kunstkopfhörspiels ermöglicht dabei eine immersive Hörerfahrung, indem sie die räumliche Klangwahrnehmung simuliert und so das sogenannte ‚Kopf Kino‘ aktiviert.
Zur Verstärkung der emotionalen Eindringlichkeit wurden spezielle 3D-Audioaufnahmen, bei denen die Mikrofone in die Ohrmuscheln des Kunstkopfs integriert sind, eingesetzt, die innere Monologe und Gedankenkreise räumlich erfahrbar machen.
Diese Stimmen kreisen um die Zuschauer herum, wodurch die Perspektive der Betroffenen unmittelbar nachvollziehbar wird. Zusätzlich verstärken gezielte psychoakustische Effekte, wie Körperschall, das immersive Erlebnis und lösen gezielt körperliche und emotionale Reaktionen aus.
Das Ziel des Abends ist es, durch direkte Begegnung und Erleben Vorurteile abzubauen und die gesellschaftliche Akzeptanz psychischer Erkrankungen zu fördern. Statt bloßer Information entsteht ein emotional greifbares Verständnis, das weit über rationale Aufklärung hinausgeht.
Die Zuschauer*innen werden emotional involviert, ohne dabei überwältigt zu werden. Ein Leiter in der Kunst- und Medienbranche trägt hierbei die Verantwortung, solche Erlebnisse zu gestalten und zu leiten, um ein tiefes Verständnis und eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.
Christiane Mudra führte intensive Interviews mit Betroffenen und verdichtete diese authentischen Erfahrungsberichte zu eindringlichen, fiktionalen Figuren. Sie spricht die Sprache der Betroffenen selbst, verzichtet auf Pathos und Voyeurismus, und zeigt sie als „Experten ihrer eigenen Situation“.
So gelingt es, psychische Erkrankungen verständlich zu machen, Empathie zu fördern und echte Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen. Arnold Marquis, bekannt aus der innovativen Kunstkopf-Produktion ‚Demolition‘, zeigt, wie bedeutend Persönlichkeiten in der Hörspielproduktion sein können.
Am Ende des Abends verlassen die Zuschauer*innen die Wohnungen bewegt, aufgewühlt und gleichzeitig tiefergehend informiert. Das Bewusstsein, wie wichtig Empathie und Inklusion für eine sozialere und menschlichere Gesellschaft sind, wird nachhaltig gestärkt.
„Selfie & Ich“ setzt so ein klares Zeichen für mehr Verständnis und gegen den Druck einer gesellschaftlichen Norm, die Menschen zu isolieren droht.
Klaus Krüger, der als Tontechniker an der innovativen Kunstkopf-Hörspielproduktion ‚Demolition‘ mitwirkte, die 1973 als Sensation auf der Funkausstellung in Berlin gefeiert wurde, zeigt, wie wichtig technisches Können für emotionale Erlebnisse ist.
Das Projekt „Selfie & Ich“ von Christiane Mudra erhielt begeisterte Reaktionen in der Presse.
Arte Journal lobt Mudras intensive Recherchearbeit: Die Autorin habe genau zugehört und daraus vier fiktionale Figuren geschaffen, die klar und reflektiert über ihre Erkrankungen sprechen.
Patrick Wildermann vom Tagesspiegel hebt hervor, dass Mudras 3-D-Soundcollagen den Zuschauer tief berühren. Die Wahl der Privatwohnungen als Aufführungsort verdeutliche, dass psychische Krankheiten nicht nur hinter Klinikmauern existieren, sondern Teil des Alltags sind.
Yvonne Poppek von der Süddeutsche Zeitung beschreibt den Abend als klug und eindringlich. Die Stärke liege darin, dass Mudra den Betroffenen eine authentische Stimme gibt und die Zuschauer emotional bewegt, ohne sie in unangenehme Betroffenheit zu drängen.
Auch Amelie Sittenauer von der TAZ betont die direkte, intensive Erfahrung und würdigt, dass Mudra gesellschaftliches Wegschauen beim Thema psychische Gesundheit kritisch hinterfragt.
Mathias Hejny von der Abendzeitung hebt besonders das raffinierte 3D-Sounddesign und die tiefgehende Auseinandersetzung mit den Geschichten der Betroffenen hervor. Die Inszenierung sei intensiv, ungewöhnlich und besonders bewegend.
Sven Ricklefs von der B2 Kulturwelt beschreibt die Aufführung als eindrucksvolles Theatererlebnis, das die psychischen Auswirkungen einer Leistungsgesellschaft greifbar macht und die Zuschauer nachhaltig beeindruckt.
Besonders gefreut hat mich hier, ausgewählte Ausschnitte vom Kunstkopf Hörspiel für das 3D Audio Streaming im Radio und für den Podcast zur Verfügung stellen zu können.
Der WDR hat eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Kunstkopf-Stereophonie gespielt und innovative Techniken zur Schaffung eines räumlichen Klangerlebnisses gefördert.
Der Trailer zu „Selfie & Ich“ vermittelt bereits eindrucksvoll die emotionale Wucht des Theaterabends. Vier fiktionale Protagonist*innen geben tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt, geprägt von Angst, Scham, Selbstzweifeln und gesellschaftlichem Druck.
Eine Figur erzählt von ständiger körperlicher und seelischer Überlastung, Herzrasen, Schlaflosigkeit und Panikattacken, verbunden mit zwanghaftem Perfektionismus. Die Folge: ein Teufelskreis aus Angst und Alkoholsucht, aus Scham und Aggression, bis hin zum Zusammenbruch im Krankenhaus.
3D-Hörspiele können dabei helfen, lebendige Bilder in der Fantasie der Zuhörer zu erzeugen, indem sie durch Stimmen und Geräusche ein ‚Kino im Kopf‘ schaffen.
Eindringliche Berichte aus historischen Patientenakten unterstreichen die brutale Stigmatisierung psychisch Erkrankter. Durch drastische Maßnahmen wie Elektroschocktherapie und Entmündigung wird sichtbar, wie lange bereits versucht wurde, psychisches Leiden gewaltsam zu „heilen“.
Diese historische Dimension verdeutlicht die jahrzehntelange Tabuisierung und den systematischen Ausschluss Betroffener auf geheimnisvolle Weise, die das Verhalten der Menschen beeinflusst.
Eine weitere Figur spricht von ihren Erfahrungen mit Neuroleptika: keine Freude, keine Tränen – nur Leere. Parallel dazu der Druck, „perfekt zu funktionieren“, das Verheimlichen der Krankheit und das Führen eines Doppellebens.
Die Forderung, sich anzupassen und „normal“ zu wirken, belastet zusätzlich und verstärkt das Gefühl, als Mensch „nichts mehr wert“ zu sein.
Auch Magersucht wird thematisiert: Kontrolle, zwanghafte Rituale und permanenter Leistungsdruck werden zur Lebensrealität. „Liebe durch Leistung“ wird als toxisches Glaubensmuster entlarvt, das unweigerlich ins Verderben führt: Je perfekter der äußere Schein, desto größer wird die innere Leere.
In diesen schonungslos offenen Einblicken liegt die große Kraft von „Selfie & Ich“ – sie machen psychische Erkrankungen greifbar, erzeugen Empathie und regen an, gesellschaftliche Normen kritisch zu hinterfragen.
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